“Let other people play other things – the king of games is still the game of kings”
(“Lasst andere Leute anderes spielen – König aller Spiele ist immer noch das Spiel der Könige” )
Das ist die Inschrift einer Steintafel neben einem Polofeld in Gilgit, zwischen dem Karakorum Hochgebirge und dem Hindukusch nördlich von Kaschmir gelegen, in der Nähe der sagenumwobenen Seidenstraße, die von China aus gen Westen führt. Dieser eine Vers aus der Antike verkörpert auch heute noch das Empfinden von allen, die dieses Spiel spielen.
Polo, dessen genauer Ursprung nicht bekannt und unbelegt ist, ist wohl eines der vielschichtigsten Spiele der Welt. In der Geschichte Asiens gibt es jedoch reichlich Hinweise auf seinen königlichen Status. Niemand weiß, wann oder wo Stick und Ball zum ersten Mal aufeinander trafen, aber es muss einige Zeit nach der Domestizierung des Pferdes durch die iranischen Volksstämme Zentralasiens gewesen sein, und vermutlich noch vor deren Migration in die iranische Hochebene.
Wahrscheinlich wurde das Spiel durch den Einsatz leichter Kavallerie im gesamten Raum des eigentlichen Irans vebreitet. Viele Gelehrte glauben, dass die iranischen Volksstämme bereits vor der Herrschaft von Darius dem Großen (521-485 vor Christus) Polo spielten und dass es seine durch Polo trainierte Kavallerie war, die das zweite persische Großreich, das Achämenidenreich, zusammenschmiedete. Andere behaupten jedoch, dass die Chinesen oder sogar die Mongolen die ersten Polospieler waren. Wie dem auch sei, es ist nachweislich die Kunst und Literatur des antiken Persiens, die am ausführlichsten über das Spiel berichtet.
Abū l-Qāsem-e Ferdousī, der berühmteste der persischen Dichter und Epiker, erwähnt in der Šāhnāmeh, dem monumentalen iranischen Nationalepos aus dem 10. Jahrhundert - auch 'Buch der Könige' genannt - mehrmals königliche Poloturniere. Die erste Erzählung aus den frühen Jahrhunderten des Imperiums romantisiert eine internationale Partie zwischen den Streitkräften der mythischen Turanier und den Anhängern des legendären Prinzen Sijawusch. Eloquent lobt der Dichter Sijawuschs Geschick auf dem Polofeld. Ferdousī schreibt auch über den sassanidischen Herrscher Schapur II, der das Polospielen bereits im Alter von 7 Jahren erlernte.
Al-Dinawar, ein anderer Historiker aus dem 10. Jahrhundert, beschreibt Polo und seine Regeln, und erteilt hilfreiche Ratschläge an Polospieler wie 'es muss sehr viel körperlich trainiert werden' und 'wenn ein Polostick während des Spiels zerbricht, ist dies ein Zeichen von Leistungsschwäche', und 'ein Spieler sollte strengstens davon absehen, Schimpfwörter zu benutzen, er sollte geduldig und selbstbeherrscht sein'. Es ist leider nicht überliefert inwiefern die Spieler diesen Ratschlägen, insbesondere dem letztgenannten, Folge leisteten!
Auch ein iranischer König der Ziyaridendynastie des 10. Jahrhunderts namens Kabus, für den das Mausoleum von Gumbad-i-Kabus erbaut wurde, schrieb einige Poloregeln nieder, besonders betonte er die Gefahren und Risiken des Spiels.
Der wohl bekannteste Verweis auf Polo in der persischen Literatur stammt von dem Dichter Omar Chayyām (1048-1123), er erläutert philosophische Standpunkte anhand des Polospiels.
Viele dieser antiken persischen Manuskripte sind mit wunderschönen Miniaturen, die die Herrscher und ihre besten Reiter beim Polospiel zeigen, illustriert (siehe Abb. 1 und 2).
Im Mittelpunkt der Liebesgeschichte des sassanisischen Königs Chosrau II. (590 AD) und seiner schönen Gemahlin Schirin, im 12. Jahrhundert erzählt als romantisches Epos von dem iranischen Dichter Nezāmī, steht Schirins Geschick auf dem Polofeld. Nezāmī beschreibt Polopartien des Herrschers und seinen Höflingen gegen Schirin und ihre Kammerfrauen.
Polo erfreute sich auch in anderen Ländern großer Beliebtheit. Dass die Kreuzritter die schwere Kavallerie bevorzugten mag der Grund dafür sein, dass sie das Spiel nicht mit nach Europa brachten. Auf jeden Fall jedoch erreichte Polo im Zeitalter des Byzantinischen Reichs Konstantinopel. Der byzantinische Herrscher Manuel I. Komnenos (1118 – 1180) war als leidenschaftlicher Polospieler bekannt, und es ist belegt dass Johannes, einer seiner Nachfolger, ebenfalls Polo spielte, bis eines seiner Beine und ein Arm durch einen schlimmen Sturz auf dem Polofeld zermalmt wurden.
Das Spiel verbreitete sich durch die arabischen-islamische Expansion bis nach Ägypten und dem indischen Subkontinent. Polo spielte bald eine exaltierte Rolle im islamischen Hofleben. Harun-al-Rashid war der erste polospielende abbasidische Kalif. Der Polostick war ein wichtiges Motiv in der islamischen Heraldik und der Jukandar, der Polomeister, war eine prominente Amtsperson im Gefolge des Kalifen.
Auf dem indischen Subkontinent wurde das Spiel von den muslimischen Herrschern gespielt und von den einheimischen Königen und Prinzen übernommen. In einer staubigen Seitengasse in der Nähe des Anarkali Basars in Lahore steht ein Denkmal zu Ehren des Sultans Qutb ud-Din Aibak, der in 1210 durch einen Fall seines Ponys während einer Partie Polo starb.
Die Chinesen betrachteten Polo über viele Jahrhunderte hinaus als königliche Zerstreuung. Der Polostick ist auf dem Wappen der chinesischen Königsfamilie abgebildet. Besonders im goldenen Zeitalter der klassischen chinesischen Kultur under dem Kaiser Ming-Hung spielte Polo im Leben am kaiserlichen Hof eine große Rolle, da er ein Reitsportenthusiast war. Nicht alle chinesischen Kaiser waren so kultiviert, ein Bericht aus dem Jahr 910 zufolge erteilte der Kaiser Tai Tsu nach einem Polospiel den Befehl, sämtliche Spieler zu köpfen, nachdem sein Lieblingsspieler während der Partie tödlich verunglückt war. Die Chinesen lernten das Spiel wahrscheinlich von den iranischen Adeligen, die nach der arabischen Invasion des Iranischen Reichs am chinesischen Hof Zuflucht gesucht hatten, oder vielleicht von den indischen Volksstämmen, die es direkt von den Iranern erlernt hatten. Die Japaner wiederum lernten es dann von den Chinesen.
Es ist nicht bekannt ob Dschingis Khan (1162-1227) Polo bereits kannte ehe seine Armeen aus dem Norden heranfegten und das iranische Reich und den Rest von Kleinasien eroberten. Fest steht, dass seine Horden, insofern sie das Spiel noch nicht kannten, es dann von den Iranern erlernten.
Eine Legende besagt dass Tamerlan (1336-1405), Erbe Dschingis Khans, seiner Kavallerie einst befahl, mit den Köpfen ihrer Gefangenen Polo zu spielen. Als ein Nachfahre Tamerlans, Babur, im 16. Jahrhundert das indische Mogulreich begründete, etablierte sich Polo bei seinen Nachfolgern als die beliebteste königliche Sportart. Akbar, Baburs Enkel, liebte das Spiel besonders, er spielte sogar nachts bei Fackelschein. Die riesigen Stallanlagen für seine Polo Ponys können heute noch in der Nähe von Agra besichtigt werden.
Die spektakulärste Huldigung an das Polo ist jedoch eine um ein königliches Polofeld herum entstandene Reichsstadt. Als der safawidische Herrscher Schah Abbas I. der Große (1571 – 1629) seine Hauptstadt nach Isfahan verlegte, sollte seine Stadt die schönste der Welt werden und er legte den sogenannten Naghsch-e Jahān, später Meidān-e Schāh (siehe Abb. 3), rund um sein Polofeld an. Dieser gigantische, im Zentrum von Isfahan gelegene Platz war bis zur Konstruktion des Tienanmen-Platzes mit seinen etwa 560 Metern Länge und 160 Metern Breite der größte der Welt. An jedem Ende stehen, 7,3 Meter voneinander entfernt, steinerne Torpfosten – und das ist auch heute noch die vorgeschriebene Größe eines Polotors. Genau hinter den Torpfosten am südlichen Ende des Feldes errichtete er die Königsmoschee, durch die aufwändigen Mosaikarbeiten an der Kuppel den Minaretten eine der schönsten Moscheen der Welt. Hinter dem nördlichen Tor befindet sich der reich verzierte Zugang zum königlichen Basar. Das Polofeld war somit ganz eindeutig das Zentrum öffentlichen Lebens in der Stadt. Dies wird weiterhin betont durch den etwa auf der Höhe des Mittelfelds gelegenen Ali Qāpu Palast (siehe Abb. 4 und 5). Besonderes Merkmal des Palasts ist die von den Architekten Schah Abbas konzipierte Aussichtsplattform, deren Dach von 18 graziösen Holzsäulen getragen wird. Die steinernen Torpfosten des Schah Abbas (Abb. 6 und 7), sowie der Palast, die Moschee und der Basar existieren noch unverändert, Zierteiche und Gartenanlagen ersetzen heute jedoch das Feld, auf dem vor Jahrhunderten Ponys gallopierten und Poloschläger geschwungen wurden. Der Basar in Isfahan bietet, neben den herkömmlichen Waren eines orientalischen Marktes, eine erstaunliche Vielzahl von Souvenirs an, die mit traditionellen, von persischen Miniaturen kopierten Poloszenen verziert sind.
An Orten wie Isfahan und in der klassischen Kunst und Literatur fallen einem doch gewisse Unterschiede zwischen dem Polo, das vor vielen Jahrhunderten gespielt wurde, und dem Spiel, welches wir heute kennen, auf. Das Feld war oft länger und schmaler. Teams waren häufig vielköpfiger als die 4 Spieler pro Team, die heute Standard sind. Während das Spiel manchmal begann, indem der Ball im Mittelfeld platziert wurde und die beiden Teams einander dann von den gegenüberliegenden Enden des Spielfelds angriffen, wurde der Ball manchmal auch einfach in die Luft geworfen und dann in Richtung eines Tores geschlagen. Einem modernen Polospieler mögen die diversen Formen der Schläger recht merkwürdig erscheinen. In Japan und Bysanz, zum Beispiel, war der Kopf der Sticks mehr schläger- als hammerförmig, und es wurde ein mit Leder bezogener Ball benutzt.
Seit mehr als 2000 Jahren ist Polo also eine der beliebtesten Sportarten der Herrscher Asiens. Königinnen spielten Seite an Seite mit Königen, anderen Adligen und Kavalleristen.
Auch außerhalb des Irans war das Polo in jenen Tagen das Equivalent eines Nationalsports, von Japan bis Ägypten, von Indien bis nach Bysanz. Als jedoch die großen orientalischen Reiche endeten, nahm auch das glanzvolle Hofleben, von dem Polo so ein wichtiger Bestandteil gewesen war, ein Ende, und das Spiel selbst überlebte nur in abgelegenen Dörfern.
(Geschützte) Übersetzung durch POLOSTAGE-Partner:
Fremdsprachenkorrespondenz Mrs. Amélie McAndie & Mr. Matthew Finnemore
